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Blick auf die 4.000er - weitestgehend theoretisch

  • Autorenbild: Knut
    Knut
  • 30. Aug. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Die Nacht war so gut wie erwartet - nämlich gar nicht gut. Wie befürchtet hatten die Gitterstäbe am Fussende dazu geführt, dass ich bei jedem Drehen meine Füße erst aus dem "Gefängnis" befreien und danach wieder neu einsortieren musste. Wie soll da ein vernünftiger Schlaf zusammenkommen?


Aber gut, so ist das nun mal. Ich konnte es nicht ändern. Nachdem ich kein Frühstück zu erwarten hatte, packte ich alle meine Sachen zusammen, füllte meine Flaschen auf und ging los, um den Schlüssel am Empfang abzugeben. Danach ging ich nochmals in den kleinen Laden und ließ mir zwei Brötchen mit Käse belegen. Und das waren Mengen an Käse, Wahnsinn, würde ich normalerweise auf fünf Brötchen verteilen, aber gut, sollte mir Recht sein. Ich hatte ja heute auch ein bisschen was vor. Ein Brötchen aß ich sofort, das andere hob ich mir für mittags auf.



Laut komoot waren es gut 18 km und 1300 Höhenmeter aufwärts, also mal wieder etwas größeres. Ich ging durch die Anlage von Oropa bis ans nördliche Ende, um dort in einen schönen Buchenwald mit vielen Steinen auf dem Weg abzubiegen. Teilweise war es schwierig, den Pfad zu finden. Nach einer halben Stunde im Wald und an einem Bach entlang lichteten sich die Bäume und ich musste in einem Grashang einen gut ausgebauten Weg in Serpentinen nach oben steigen. Der erste Anstieg bis zum Refugio Rosazza hatte bereits gut 600 Höhenmeter in sich. Ich merkte aber bereits bei der Hälfte des Weges, dass ich konditionell heute überhaupt nicht gut drauf bin. Die Höhenmeter schlauchten mich und ich musste langsamer machen, um nicht völlig aus der Puste zu kommen. Das obligatorische Schwitzen fehlte natürlich auch nicht, mein T-Shirt war schon wieder komplett nass.



Am Refugio Rosazza genehmigte ich mir ein zweites Frühstück, etwas kühles zu trinken, einen Cappuccino und ein Stück Kuchen. Scheinbar hatte ich mich schon an das italienische Frühstück gewöhnt... 😄

Vom Refugio ging es an mehreren alten Gebäuden vorbei, die Seilbahnanlagen enthielten. Aber diese waren nicht mehr in Betrieb - zumindest sah es nicht so aus. Vielleicht auch nur nicht im Sommer. Da aber im Rother Wanderführer steht, man könnte die Seilbahn nutzen, sind alle, die darauf gehofft hatten, echt gearscht....



An einem kleinen, sehr schönen See vorbei, ging es weiter bergauf. Ich wäre gerne am See geblieben, aber da ich echt noch viel vor mir hatte, und ich gerade erst Pause gemacht hatte, ging es weiter. Nach einer Scharte blickte ich bereits auf meinen weiteren Weg, der mich noch bis spät am Nachmittag beschäftigen sollte. Sah aber sehr schön aus. Nur etwas anspruchsvoll und lang....



Der Pfad wurde schmaler und zunehmend felsiger. Immer wieder waren Geröllfeldern zu queren, hohe Stufen zu überwinden und teilweise befanden sich auch Seile zur Absicherung am Fels. Leider ging kaum Wind und der Weg lag voll in der Sonne, sodass ich nicht nur schwitze (das mache ich ja sowieso IMMER), sondern auch merkte, wie schwach ich heute unterwegs war. Der Wasserbedarf war extrem groß. Aber was will ich machen, es gab keine Alternative. Nach gefühlt ewiger Zeit hatte ich es zumindest bis zum zweiten Refugio geschafft, dem Refugio Coda. Immerhin.



Auch dort machte ich Pause und genoss das erste Mal den Blick auf die nördlich gelegenen, hohen Berge. Dabei waren namhafte Gipfel wie Gran Paradiso (4.061 mNN), Mont Blanc (4.807 mNN), Matterhorn (4.478 mNN) und Pollux (4.092 mNN), aber leider auch nur theoretisch. Denn es war sehr diesig und leicht bewölkt, sodass man diese Berge nur schemenhaft sehen konnte - wenn überhaupt. Ein "im Anblick der namhaften Berge laben", wie es im Wanderführer steht, konnte ich nicht bestätigen. Aber es war schön, ein weites und imposantes Bergpanorama sehen zu können. In der anderen Richtung ging es nur in die Po-Ebene, die nicht mit so hohen Bergen aufwarten kann. 😂



Ich machte eine kurze Mittagspause, bevor ich zum nächsten Teil mit einer vorgesehenen Gratüberschreitung des Mont Bechit aufbrach. Ich fühlte mich bereits, als sei ich hunderte von Höhenmeter hoch geackert, und konnte mir bei dem Anblick, was noch vor mir lag, nicht vorstellen, wie ich das schaffen sollte, zumal am Grat auch ausgesetzte Stellen sein sollten.

Kurz vor dem Anstieg Richtung Gipfel wurde ich dann aber überrascht: ich sah einen sehr neuen Wegweiser für den GTA nach links, und nicht gerade aus zum Gipfel. Wow! Auf die Karte geschaut, dort sah ich, dass es der Weg "unten herum" war. Der Weg schien frisch gemäht, also traute ich dem Wegweiser und folgte dem Pfad.


Irgendwie war ich froh darum, nicht so weit aufsteigen zu müssen - nicht heute. Aber da wusste ich auch noch nicht, was mich erwartete. Der Weg war zwar gepflegt, aber das abgemähte Gras lag überall rum (kann man auch nicht erwarten, dass es weg gemacht wird) und führte dazu, dass ich mit meinen fast profillosen Schuhen immer wieder weg rutschte. Einmal war es echt kritisch, zum Glück ist aber nichts passiert. Nur wurde ich dann immer vorsichtiger und langsamer. Es war anstrengend, sehr sogar. Puuuh, bin ich froh, wenn ich morgen nach Quincinetto absteigen und meine neuen Schuhe in Empfang nehmen kann.

Durch die schwierige Art und Weise, den Weg zu gehen, kam ich auch fast nicht voran. Und gerade heute taten mir auch noch so wahnsinnig meine Zehen weh. Die fühlten sich an, als wenn sie gleich in den Schuhen platzen wollten.



Nach gefühlt einer Ewigkeit schaffte ich auch diesen Abschnitt, aber ich war echt am Ende - nicht mit meiner Etappe, sondern mit meinen Kräften und der Kondition. Zum Glück sollte nur noch der Abstieg folgen. Ich setzte mich erstmal ins Gras, aß mein zweites Käsebrötchen und machte aus dem linken Schuh die Einlage raus, um mehr Platz zu schaffen.



Beim Abstieg ist das okay, hatte ich schon ein paar Mal gemacht.

Und so ging es erst über eine Schotterstraße durch Wiesen, dann durch Wald auf Wanderwegen weiter nach unten und bis zum Refugio Agriturismo Belvedere. Und das hatte seinen Namen zurecht: es lag am Hang mit Blick ins Aosta-Tal, vor dem Haus war ein schöner Garten und eine riesige, ebene Grünfläche und gegenüber blickte man auf eine schöne Gebirgskette. Und die Sonne ging genau gegenüber auch unter.



Neben mir war nur ein deutsches Pärchen aus Leipzig zu Besuch, wir redeten ein bisschen und aßen zusammen zu Abend. Es war sehr ausgefallen, der Sohn der Wirtin hatte Koch gelernt und zauberte etwas Ausgefallenes auf den Tisch. Toll!

Und da ich am morgigen Freitag nur nach Quincinetto absteigen muss, konnte ich mir Zeit lassen mit Schlafen gehen. Frühstück um 8e, kein Stress.


Ich wünsche euch eine gute Nacht

Bis Morgen


Knut

 
 
 

2 Kommentare

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LIP
30. Aug. 2024

Ah, da sind die Bilder von der Straßenbahn. Danke! 😃

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Knut
Knut
01. Sept. 2024
Antwort an

Gerne geschehen, ich konnte nicht anders und musste die Bilder für dich machen.... 😄

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