Ich sehe Licht am Ende des Tunnels
- Knut

- 11. Sept. 2024
- 6 Min. Lesezeit

Nach einer besseren Nacht in einem großen Doppeltbett, in dem ich zum Glück quer liegen und mich damit ausstrecken konnte, ging ich hinunter in den mit reichlichen Ornamenten verzierten Speisesaal. Es war toll! Wahnsinnig hohe Decken, Kronleuchter von der Decke, an den Wänden Spiegel - der typische Jugendstil. Leider waren die Zimmer nicht in einem ähnlichem Stil ausgebildet, aber dennoch waren es schöne Zimmer.
Ich hatte von einem anderen Pärchen, dass ebenfalls die GTA wandert, erfahren, dass die nächste Unterkunft (also für heute Abend), am Montag und Dienstag Ruhetag hat. Mist - genau einen Tag zu früh dran. Da rächt sich nun das Überspringen der beiden Tage von Talosio bis Noasca..... 😂 Nein, so kann man es natürlich nicht sehen, ist halt ein dummer Zufall. Aber es hätte tatsächlich dann gepasst - wäre erst Mittwoch und nicht schon heute (Dienstag) dort angekommen.
In der dortigen 'Ortschaft' am Lago di Malciaussia gibt es im Prinzip nur das Refugio, und vielleicht zehn andere, private Häuschen. Also keine Alternative zum geschlossenen Refugio. Was nun? Ich schaute im Luftbild, ob es dort eine Möglichkeit zum Zelten gibt - sah irgendwie alles nicht so optimal aus. Etwas oberhalb gibt es den Lago Nero, dort könnte ich bestimmt einen geeigneten Platz finden. Oder die nächsten beiden Etappen zusammen legen? Nee, das sind dann 25 km mit 1.350/900 Hm. Das ist echt viel. Ich werde schon eine Lösung finden.
Es ging los am Bach entlang, eine tolle Alternative zum Hatsch an der Straße aus dem Wanderführer. Keine Ahnung, warum man das nicht vorsieht. Lieber schickt man alle Wanderer 3 km auf die Asphaltstraße. 🤷
Ein paar Meter rauf, dann wieder gemütlich runter, kam ich an die Stelle, wo ich mich entscheiden musste: langweiliger Talhatsch auf der GTA oder Abenteurertour über die Bahntrasse mit erst ein paar Höhenmetern, dann immer auf gleicher Höhe. Naja, als Planungsingenieur für Bahnanlagen ist die Wahl nicht allzu schwer - zumal Martin schon sehnsüchtig auf meinen Bericht wartete. Und Abenteuer mag ich auch....
Also rauf auf den Berg, durch Wald und Kuhwiesen den teils schwer zu findenden Pfad entlang, bis ich nach ca. 400 Hm auf die alte Trasse stieß. Viel zu sehen war hier aber nicht - auch wenn sich die Linie des Weges am Hang deutlich zeigte. Die ersten paar Meter waren schon geprägt von einigen Stufen und Abbrüchen - das mit der Bahnlinie ist wohl schon etwas länger her. Auch wenn sich natürlich in den Bergen viel tut über die Zeit, was Veränderungen der Hänge oder Felsen angeht.
Erstmal ging es schön auf einer Höhe durch Wald, dann am freien Hang mit Blick auf die umliegenden Berge und mit Blick ins Tal. Die Trasse lag schon sehr weit über der Straße bzw. den paar Häusern. Hier und da erkannte man kleine Steinmauern, dann wieder, dass der Fels bergseitig bearbeitet worden war. Aber sonst? Nichts.... Hätte auch ein toll heraus gearbeiteter Höhenweg sein können. Ich musste über einen Art Wasserfall (es war eine schräge Felswand, auf der viel Wasser ins Tal floss), die mit Seilen und Tritteisen versehen war - wie das wohl früher hier aussah? Mit einer Brücke?
An einer Stelle der Strecke lag plötzlich mitten am Weg eine ca. 60 cm lange Schlange - schön ausgestreckt, in voller Länge. Und wieder war ich zu langsam bzw. die Schlange zu schnell, sodass ich kein schönes Foto hätte machen können. Zu dumm. Aber ich konnte im Nachgang im Internet recherchieren, dass es wohl eine Aspisviper war, die hier im Norden von Italien und Frankreich verbreitet ist. Sie ist zwar giftig und kann ordentliche Schwellungen hinterlassen, aber da sie selbst sehr scheu ist, kommt es meist nur in ungünstigen Fällen zu Bissen. Mir hat sie zumindest nichts getan und verschwand viel zu schnell....
Schließlich kam ich zum Highlight der Strecke: einem ca. 600 m langen Tunnel. Im Wanderführer stand schon, dass eine Stirnlampe vorteilhaft wäre. Und ja, das stimmte. Mit Handylicht ginge es auch, aber Stirnlampe ist definitiv besser. Es war cool, durch den Tunnel zu laufen - auch wenn nichts Spektakuläres kam oder passierte - was auch!? Ein paar tiefere Pfützen mussten umgangen werden, aber sonst nix. Am Ende lag ein riesiger Fels direkt vor dem Eingang - "Sesam öffne dich!" fiel mir da sofort ein. Laut ausgesprochen, tat sich aber nicht viel..... war ja auch schon offen! 🙄
Auf der weiteren Strecke fand ich dann doch noch Schienen und Schwellen, also Zeugnisse von früher. Mal mehr, mal weniger zugewachsen, lagen sie im Gras und zeigten, wie schmal dort alles zugegangen sein muss. Lang ist es her... Zum Ende noch eine kleine Kletterstelle mit ein paar Steigbügeln, dann war ich zurück auf der Fahrstraße und kam zum Lago di Malciaussia, einem Stausee.
Am geschlossenen Refugio vorbei lief ich am See entlang bis zu seinem Anfang, auf dem Weg dorthin überlegte ich schon, wie es jetzt weitergehen soll. Es war gerade mal halb 1e, hier also zu Zelten wäre schön sehr früh. Ich könnte also bis zum Lago Nero hoch. Oder aber ich wandere hinauf bis zur Scharte, dort gibt es das Refugio Capanna Sociale Aurelio Ravetto, das aber angeblich auch schon zu hat. Dort könnte ich aber auch übernachten - mit dem Zelt. Auf 2.500 mNN sicherlich toll - wird nur sehr kalt werden in der Nacht. Ja, so mache ich das....
Zuerst eine Pause mit Oliven-Knäckebrot, Käse und Salami, was mir das Schweizer Pärchen Lorraine und Hanno überlassen hatten - sie hörten mit ihrer Tour auf. Und dann, nach einer dreiviertel Stunde in der Sonne mit tollem Ausblick, machte ich mich an die 700 Hm. Der Weg war mit Steinplatten gepflastert, echt der Wahnsinn. Was ein Aufwand. Aber es ging gut zu wandern, das muss man lassen. Ich schnaufte zwar trotzdem und der Schweiß lief, aber ich war flott. Und um 3e stand ich oben, mit Blick ins Val
di Susa, dem morgigen Ziel. Das Refugio hatte tatsächlich zu, ich fand einen Schutzraum mit Bettgestellen. Könnte ich auch übernachten....
Aber wie weit ist es dann morgen bis Susa ins Tal?
Mittelmäßig weit, ca. 17 km - aber fast 2.100 Hm Abstieg (bei gerade mal 60 Hm Aufstieg). Wow! Das hätte ich nicht gedacht. Das ist viel. Will ich mir das morgen geben? Einmal runter? 2.100 Hm?
Wie weit ist es bis Trucco (dem Ziel der eigentlich für morgen vorgesehen Etappe)? 10,9 km, 60 Hm rauf, 850 Hm runter... Und es ist gerade erst halb 4e!
Zwei Stunden, dann könnte ich dort sein - wenn ich Gas gebe.... Und dann sind es morgen 'nur' 1.200 Hm im Abstieg.... Also los!
Bin dann mit etwas flotterem Schritt die ersten Höhenmeter rauf, danach ging es über Wiesen, Weiden und Forststraßen in Richtung Tal. Nicht bis ganz unten, Trussco liegt auf 1.700 mNN, also noch 'am Berg'. Es ist ein Posto Tappa für GTA'ler und relativ günstig.
Der Weg war nicht sehr anspruchsvoll, gut zu gehen, nicht ausgesetzt, vor allem später die Forststraßen waren natürlich Rennstrecke. Zum Ende hin wurde es nochmal landschaftlich sehr schön: durch einen Wald aus kahlen Bäumen! Was daran schön ist? Es wirkte surreal, die grau-schwarzen Bäume, das grüne Gras außen herum und ein Bach, der als Waal neben dem Weg floss. Später erfuhr ich von der Wirtin, dass es vor sieben Jahren hier zehn Tage lang gebrannt hatte - und entsprechend sah es auch aus. Die Natur war dabei, sich zu erholen.
Um kurz vor halb 6e kam ich am Posto Tappa an und bekam auch eine Unterkunft - sehr, sehr einfach, aber Hauptsache etwas zu Essen und zum Schlafen. Das Pärchen, welches mir den Tipp mit dem geschlossenen Refugio gegeben hatte und das bis zum Stausee mit dem Taxi gefahren war, staunte nicht schlecht, als ich beim Abendessen saß. Ja, ich bin die ganzen 25 km der zwei Tage gelaufen, inkl. der 1.350 Hm rauf und 900 Hm runter. Aber: ich muss zugeben, ein paar Kilometer weniger hätten auch gereicht. 😂
Morgen ist ja halber Pausentag, nur runter nach Susa, ab dort werden ich dann Übermorgen mit den Zug und Bus einen Teil der GTA abkürzen, damit es zeitlich bis nach Nizza reicht.
Bis wohin ich fahre, weiß ich noch nicht ganz. Das muss ich nochmal ausrechnen. Es gab ja nun doch einige Verschiebungen in meinen Ablauf.
Bis dann, ich halte euch auf den Laufenden - wenn ihr wollt.
Ich werde mich nun noch mit meinem Zimmernachbarn ein bisschen unterhalten - bislang war er aber nicht sehr redselig. Aber ihr wisst ja: ich höre mich gerne selbst reden, da macht es ja nichts, wenn der Gesprächspartner etwas schweigsamer ist.... 😄

Liebe Grüße von oberhalb des Val di Susa!
Knut aka Hausmeister Gru









































































































































































Da warst Du gestern sehr fleißig! Vielen Dank für den Bericht von der Feldbahnstrecke! 🚂 Die Bahn dürfte schon in den 30er-Jahren nach dem Bau der Wasserkraftwerke wieder abgebaut worden sein, daher ist es nicht so verwunderlich, wenn die Trasse nicht mehr so gut in Ordnung ist.
Wenn Du irgendwannmal den See aus dem Bericht gestern wieder besuchst, kannst Du die Feldbahntrasse ja in entgegengesetzter Richtung noch erkunden. Da ist sie leider nicht als Wanderweg ausgewiesen, aber es ist mehr Eisenbahn erhalten.